Asbest: „Die Sünden unserer Vergangenheit holen uns nun ein!“

Seit den 1930er Jahren wurde Asbest in vielen Produkten und Baustoffen verarbeitet und hat sich zur Krebsgefahr Nummer 1 – auch in Deutschland – etabliert. Die Gefährdung für die Menschen entsteht aus der Unwissenheit heraus, denn viele gewerbliche und private Immobilien sind vollgestopft mit der gesundheitlich höchstriskanten Faser. Seit etwa 27 Jahren ist Asbest verboten. Und doch stehen wir heute vor einer neuen Herausforderung bei Sanierungen und Umbauten, denn in vielen Gebäuden schlummert diese Gefahr – unentdeckt. Wir sprachen mit Aziz Sevindik von der S.K. Sorglos Bauen GmbH, einem Spezialisten.

Aziz Sevindik (Geschäftsführer S.K. Sorglos Bauen GmbH)

Herr Sevindik, Sie sind Schadstoffsanierer und Experte für Gefahrenstoffe bei gewerblichen und privaten Immobilien. Erläutern Sie uns bitte kurz – aus Ihrer Sicht – was Sie unter Asbest verstehen und wo Sie die Problematik liegt?

Aziz Sevinidk: Sie kennen doch den Spruch: „Die Sünden der Väter…“, genauso ist es heute, denn zwischen 1930 und 1995 wurde Asbest in fast allen Gebäuden verarbeitet. Wir Profis unterscheiden dabei in fest- oder nichtfestgebundene Materialien, denn Asbest besteht aus Fasern, die man in fast jede beliebige Form bringen kann. Und entsprechend in entsprechend vielen Produkte wurden das Material seit der Entdeckung verarbeitet.

Und was ist Asbest?

Aziz Sevindik: Der Begriff Asbest bezeichnet faserförmige, kristalline Silikatmineralien. Gerade die „tollen“ Eigenschaften machten es einzigartig und auch sehr beliebt – gerade im Bau. Die Fähigkeiten im Einzelnen sind: Temperatur- und Hitzebeständigkeit, Nichtbrennbarkeit, Isolationswirkung. Es galt als Universal-Material und wurde gerade im Brandschutz eingesetzt. Schutzplatten, Ummantelungen, Dichtmasse, Kitt, Zement, Straßenbelag, Klebstoff, Innen- / Außenputz. Die Liste ist endlos.
Bekannte Produkte sind beispielsweise Welldachpappen, Heizungsisolationen, Farben, Putze und die allseits beliebten und bekannten: Eternit-Platten, die ganze Haus-Außenwände zieren und als günstiger Schieferersatz gehandelt wurden. Aber auch Fasermatten zwecks Isolation der Dachbereiche oder als Füllung in den Trockenbau-Wänden – Sie kennen es unter Gipskarton – ist es zu finden.

Klingt nach einem Traum-Material?

Aziz Sevindik: Da war es; zumindest dachten viele Menschen, dass es keine Alternative zu Asbest gäbe. Doch dann erkannte man wie gefährlich das Material in Wirklichkeit ist. Es ist hochgradig krebserregend und massiv gesundheitsschädlich und es wurde dann im Jahre 1993 komplett verboten. Gemäß der Gefahrstoffverordnung gilt seitdem ein Produktions- und Verwendungsverbot.

Und wo liegt dann das Problem?

Aziz Sevindik: Durch den langjährigen Einsatz – wir sprechen hier von über 60 Jahren – und die geradezu verschwenderische Nutzung, stehen wir heute in fast allen Gebäuden, aus diesem Zeitraum, vor dem Problem, dass die meisten kontaminiert wurden. Es sind die Altlasten der Vergangenheit, die uns heute wieder einholen.

 

Haben Sie ein Beispiel?

Aziz Sevindik: Aber gern. Der Großvater verstirbt und hinterlässt der jungen Enkeltochter sein Haus. Sagen wir Baujahr 1950. Hier finden wir Asbest in den Eternit-Platten oder im Putz, bzw. der Wandfarbe von ummauerten Öltanks, aber auch in der Ummantelung von Boilern, dem Außenputz, der Isolation der Heizungsrohre und so weiter.

Anderes Beispiel. Ein junges Unternehmen sucht nach einem günstigen Produktionsort und findet in einem Industriegebiet eine alte Lagerhalle. Das Loftfeeling soll beibehalten werden und man beginnt mit einer Renovierung.
Glauben Sie mir, ganz schlimm ist es bei gewerblichen Immobilien, dort ist es im Übermaß eingesetzt worden. Welldachpappen auf Lagerhäusern oder Produktionshallen, Wandinnenfarbe, Außenputz, Isolation von Rohren in Bodenschächten, um nur einige zu nennen. Füllmaterial in Decken. Und durch die hohe Beanspruchung des Materials und dem witterungsbedingten Zerfall, kommt es beim Zerbröckeln zu einer Abgabe der Fasern. Ein Atemzug genügt, einmal unachtsam gewesen und die Faser ist eingeatmet. Sowohl die Umwelt wie auch die Raum-Innenatmosphäre sind gefährdet.

Was passiert denn wenn man die Fasern einatmet?

Aziz Sevindik: Sie sind so fein, dass sie sich in der Lunge festsetzen und dort ruhen. Alledings sind sie hochgradig krebserregend. Die Lunge kann die Faser nicht abbauen oder „heraushusten“. Sie verbleibt dort in Ihrem Brustkorb und ruht, gibt aber stetig ihre Giftstoffe ab. Diese provozieren furchtbare Krebsarten: Rippenfell- und Lungenkrebs sowie Asbestose. Unmittelbare Folgen sind einfachere Lungenkrankheiten – daher muss man sich schützen.

Das klingt schrecklich und in der Sanierung- / Renovierung setzt man sich dieser Gefahr aus?

Aziz Sevindik: Bei unsachgemäßer Behandlung des Materials; absolut. Viele Menschen arbeiten ohne Maske oder wissen gar nicht mit welch gefährlichem Material sie sich gerade beschäftigen. Das geht auch jungen Handwerkern so, denn es ist ja seit 1993 – sprich 23 Jahre – nicht mehr auf dem Markt aber viele Gebäude sind um einiges Älter. Junge Handwerker in der Ausbildung oder junge Familien, die sich ihren Traum vom Eigenheim erfüllen haben damit keinerlei Erfahrung. Und bei gewerblichen Immobilien stehen immer wieder Modifikationen und Umbauten an. Da werden Wände durchbrochen, alte Deckenverkleidungen und Rohre herausgerissen. Gehen Sie davon aus, dass bei solchen Arbeiten Staub freigesetzt, bzw. die Fasern sich – aus dem vormals festgebundenen Produkten – lösen.

Wann treten Sie dann Erscheinung? 

Aziz Sevindik: Im besten Fall sollte vor jeder Sanierung / Renovierung der Experte konsultiert werden, denn es gibt genaue gesetzliche Vorschriften bei der Entsorgung.  Nichtbeachtung führt zu horrenden Strafen, denn der Gesetzgeber kennt bei der Gefährdung von Menschen wenig Toleranz. Nichtwissen schützt vor Strafe nicht. Ich empfehle eine Begehung und eine Feststellung der Gefahrstoffe, mit denen man während der Umbauten rechnen muss, bzw. in Berührung kommt. Manchmal muss man auch gar nichts beachten, weil man die Asbeststoffe in Ruhe lässt. Ich empfehle von Anfang an ein Budget für die Asbest-Sanierung einzuplanen, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man darauf stößt und ein Baustopp wäre doch der Worst-Case.

Wie genau muss man sich eine Vorbesichtigung vorstellen?

Aziz Sevindik: Wir gehen das Gebäude systematisch von unten nach oben durch und stellen dabei die Gefahren-Potenziale fest. Das ist erst einmal mit Aufwand verbunden, schützt aber im Nachgang jeden Bauherrn. Dann identifizieren und markieren wir die Gefahrstoffe. Manche, die mit der baulichen Maßnahme in direkten Kontakt stehen werden sachgemäß deinstalliert und entsorgt. Die anderen verbleiben – unberührt – sind aber für spätere Umbauten als Risiko erkennbar und können dann – mit der richtigen Schutzausrüstung und Vorsicht – saniert werden. Im Zweifel müssen wir Proben nehmen und es im Labor untersuchen lassen, doch ich frage Sie: Wollen Sie Ihr Kind unter asbesthaltigem Wandputz spielen lassen? Oder stellen Sie sich vor, dass Ihre Mitarbeiter krank werden, weil sie in asbestverseuchter Umgebung jahrelang ihrer Arbeit nachgingen. So sieht doch die Realität aus.

Ok, sagen wir man Asbest gefunden. Was dann?

Aziz Sevindik: Alle Tätigkeiten werden mit gesetzlich vorgegebenen Schutzmaßnahmen realisiert. Atemschutzmasken, Overalls, Abdichtung durch Unterdruck oder ein Befeuchten der Luft, damit der Staub gebunden wird. Nur Fachunternehmen dürfen daran arbeiten. So wird ein emissionsfreies Arbeiten gewährleistet. Wir Profis wissen womit wir es zu tun haben und wie wir uns schützen müssen.

Weitere Informationen:
https://www.wir-entsorgen-sorgen.de
S.K. Sorglos Bauen GmbH, Alzeyer-Straße 12, 55457 Gensingen
Telefon: Tel.: 06727 / 741 97 97   E-Mail: info@wir-entsorgen-sorgen.de

(Interview geführt mit Marc Mutert 13.11.2020)

 

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Marc Mutert

Marc Mutert studierte BWL und ist seit 1993 - ausschließlich in leitenden Positionen - tätig. Seit 1996 arbeitete er für verschiedene Medienunternehmen. TV, Hörfunk, Print, Online, Social Media, Out of Home und Live-Kommunikation. ....mehr über Marc Mutert

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