BUCHTIPP: Harald Strutz – Unfassbar – 29 Jahre für den FSV Mainz 05

Sein Buch erschien Anfang Oktober 2020. Er hatte lange überlegt, ob es die richtige Zeit sein würde, um seine Empfindungen zu einem Verein niederzuschreiben, der schwierigen letzten Jahren zum Trotz doch seine große Liebe war und ist. Neben der Familie. Und oft die Familie vernachlässigend. Harald Strutz hat auch überlegt, ob es überhaupt klug sein würde, über 29 Jahre Mainz 05 , davon von 1988 bis 2017 als Präsident, zu schreiben. Gerade weil die Jahre bis zu seinem Rücktritt 2017 so schmerzhaft, verletzend, irritierend und alles das verdrängend waren, was er die weit mehr als zwei Jahrzehnte für diesen Verein geleistet hatte. Dass er dann doch Ehrenpräsident wurde versöhnte, aber die Wunden (auf beiden Seiten) blieben. Es waren aber doch Jahre gewesen, in denen Strutz und Heidel und die charismatischen Trainer Jürgen Klopp, er vor allem, und Tuchel aus dem rheinhessischen Fußballerverein, der lange damit kokettierte, ein Karnevalsverein zu sein, eine Marke im deutschen Fußball machten. Ohne Strutz wäre vieles von dem nie möglich geworden. Aber auch nicht ohne Heidel. Sie mögen sich am Ende immer weniger verstanden haben, aber das was diesen Verein veränderte und wichtig machte im deutschen Fußball, das alles ist Strutz und ist Heidel.
Aber es gehört eben auch dazu, dass Harald Strutz Fehler gemacht hat. Nicht dass er das Geld, das er bekam, in einer Fußballwelt des Kommerzes nicht wert gewesen wäre, es war der Mangel an Transparenz und Ehrlichkeit, der die Fußballwelt im beschaulichen Mainz auseinanderbrechen ließ. Ehrenamt und diese Vergütung, es passte nicht. Aber Ehrenamt und ein Bundesligaverein mit mehr als 100 Millionen EURO Umsatz, das geht eben auch nicht. Hier anders zu kommunizieren, das wäre da der Weg gewesen. Und dass Harald Strutz nicht allein Fehler gemacht hat, das gilt auch.
Die Aufstiege und  die Abstiege, die euphorischen Feiern am Mainzer Dom, die Galaauftritte des Jürgen Klopp, die auf ewig  zeitlos bleiben werden, Strutz Tränen auf dem Rasen beim Nichtaufstieg, überhaupt der Mut eines Vereins, Trainer wie  Klopp und Tuchel ranzulassen- das ist Mainz 05. Auch der Aus- und Weiterbau des Bruchwegs, die Schaffung des neuen Stadions, die politischen Kraftakte bis zur Umsetzung dieser Ideen, die Stiftung „Mainz 05 Hilft“, sie haben alle mit Harald Strutz zu tun. Und immer wieder natürlich auch mit Christian Heidel. Und mit Menschen wie Peter Arens oder Jürgen Doetz. Der Vorstand mit Strutz an der Spitze war so lange im Amt, dass man womöglich völlig vergessen hatte, es könnte sich auch mal etwas ändern. Das schafft auch Platz für Fehler, weil zu viel Routine im Spiel ist.
1988 wurde Harald Strutz Präsident des Vereins. So wie es sein Vater es einmal war und die Familie ganz 05 ist. Man hat nur wenig Alternativen in Mainz: Fußball oder Karneval. O5 bot und bietet beides und doch ist man längst mehr als nur ein Karnevalverein, der mit dem „Narhallamarsch“ über Abstiege hinweggeht. Längst ist man in dieser Liga etabliert und als Harald Strutz begann, da hätte niemand voraussagen wollen, dass der Verein ab 2008 ständiger Teil der Bundesliga sein würde, dass man im Europapokal spielen würde und einmal im Halbfinale des DFB-Pokals stehen würde. . Der Verein wuchs mit den Erfolgen und den Anforderungen und lief doch nie Gefahr, seine Identität zu verlieren. Mainzerisch sein, nahe an den Menschen, ein Teil der Stadt, der Gesellschaft, am Dom in einzigartiger Weise die großen und die schönsten Erfolge feiern- es ist Mainz 05. Es ist auch ein Stück Besonderheit in der manchmal unübersehbaren Kälte des Fußballbetriebs. Das was Harald Strutz immer wichtig war, darf heute nicht verlorengehen. Auch nicht die Erkenntnis, dass auch Profivereine immer gut beraten sind, wenn sie gerade durch ihre Repräsentanten für eine lokale Identität stehen.
Das alles ist Teil des Buches von Harald Strutz. Es ist gut, dass er niedergeschrieben hat, was er zu sagen hat. Er tritt nicht nach. Aber es ist ein kritisches Buch, auch mit selbstkritischen Tönen, ohne die es nicht ginge. Das Buch ist lesenswert, weil es auf keiner der Seiten an der Oberfläche bleibt.
„Unfassbar“, das Strutz- Buch für alle, die Mainz 05 mögen. Für EUR 24,80 ist es im Buchhandel zu erhalten. (15.11.2020, H.P. Schössler)

 

 

 

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Marc Mutert

Marc Mutert studierte BWL und ist seit 1993 - ausschließlich in leitenden Positionen - tätig. Seit 1996 arbeitete er für verschiedene Medienunternehmen. TV, Hörfunk, Print, Online, Social Media, Out of Home und Live-Kommunikation. ....mehr über Marc Mutert

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