Wie ihr die Trauer nach dem Tod eines Partners überwindet und lernt, euch neu zu verlieben

Der Verlust eines geliebten Menschen ist schlimm genug. Doch viele Angehörige plagen nach dem Tod ihres Partners zusätzlich Schuldgefühle. Auch Jahre später noch beschäftigen sie sich mit der Frage, ob sie sich einfach neu verlieben dürfen.

Auch der ehemalige Sky-Moderator Simon Thomas gesteht, dass er sich manchmal schuldig fühlt. Seine Frau Gemma, die Mutter seines Sohnes, verlor im Jahr 2017 den Kampf gegen die Leukämie.

Im November 2018, ein Jahr nach Gemmas Tod, gab er schließlich bekannt, dass er sich wieder verliebt habe. Die Frage, ob es “zu früh” war, eine neue Beziehung einzugehen, ließ ihn jedoch so schnell nicht los.

Erst vor Kurzem sprach er auf einer Veranstaltung über seine persönlichen Erfahrungen und über den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen. Er erklärte, dass es immer drei Personen in seinem Leben geben werde:

“Gemma wird in meinem Leben immer präsent bleiben. Ich werde sie nie vergessen. Doch sowohl zum Wohle meines Sohnes, als auch zu meinem eigenen, wird es in dieser Beziehung eine dritte Person geben. Und ich weiß, dass Gemma sich für mich freuen würde.”

Nach dem Verlust deines Seelenverwandten wieder nach Liebe Ausschau zu halten, kann sehr verwirrende Gefühle hervorrufen.

So könntest du dich etwa schuldig fühlen, fast als würdest du die Person, die du verloren hast, verraten. Du könntest dir darüber Sorgen machen, was deine Freunde und deine Familie denken. Und dann stellt sich natürlich die Frage, wie lange du warten willst, um neue potentielle Partner kennenzulernen? Woher willst du überhaupt wissen, dass du schon bereit bist?

Der ehemalige Sky-Moderator Simon Thomas.

Trauer ist ein starkes und sehr komplexes Gefühl. Keine Erfahrung lässt sich mit der eines anderen Menschen vergleichen.

Shalini Bhalla-Lucas weiß das nur zu gut. Ihr Mann starb an Krebs, als sie gerade 40 war. Seit 19 Jahren waren die beiden ein Paar. Sie beschreibt es als ungeheures Glück, sich mit 21 Jahren in ihn verliebt zu haben. “Ich hatte das Gefühl, meinen Seelenverwandten gefunden zu haben, und ich weiß, wenn er noch am Leben wäre, wären wir noch immer zusammen.”

Nach seinem Tod dauerte es ganze 18 Monate, bis sie überhaupt erst auf die Idee kam, sich wieder ihrem eigenen Leben zu widmen. Anlass fand sie erst durch einen weiteren Todesfall in der Familie. Der Tod ihres Vaters markierte einen Wendepunkt:

“Sowohl mein Vater als auch Jeremy starben an Krebs. Beide taten wirklich alles, um ihre Krankheit zu besiegen. Vergebens, der Krebs siegte. Ich hatte das Gefühl, dass ich es ihnen einfach schuldig war, mein Leben wieder zu leben.”

Es war Zeit, wieder nach draußen zu gehen – dazu gehörte eben auch, neue Leute kennenzulernen. “Es war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, denn ich hatte das Gefühl, Jeremy zu verleumden”, sagt sie. “Ich fühlte mich einfach, als würde ich unsere Erinnerungen, unsere Geschichte, unser gemeinsames Leben verraten. Und ich stellte mir auch die Frage, wie er sich wohl fühlen würde.”

Schuldgefühle oder gar Gefühle von Verrat, das sind nach Ansicht von Trauerberaterin Dr. Chloe Paidoussis-Mitchell völlig normale Emotionen, die sie während der Behandlung ihrer Patienten sehr häufig beobachte.

Derartige Reaktionen seien ein wichtiger Schritt, um die verstorbene Person irgendwann loslassen zu können. Außenstehenden rät sie: “Dabei ist es wirklich wichtig, die Person nicht zu verurteilen und diese Gefühle als wichtigen Schritt im Trauerprozesses zu betrachten.”

Bedauerlicherweise können Gefühle der Schuld auch von anderen Menschen befeuert werden, wie der 52-jährige Daren Margetts berichtet. Margetts ist Mitglied von Widowed and Young (WAY). Die Organisation unterstützt rund 3000 junge Witwen und Witwer in ganz Großbritannien bei ihrer Trauerarbeit. 

Er selbst verlor seine Frau Mandy im Jahr 2015. Sie starb an den Folgen von Eierstockkrebs. Seine neue Partnerin lernte er elf Monate später über eine Online-Gruppe für Hinterbliebene kennen.

Margetts spricht von einer Art “Doppelmoral”, der Betroffene häufig begegnen würden: Wenn sie nach dem Tod eines geliebten Menschen eine neue Beziehung beginnen, wird ihnen vorgeworfen, sie handelten überstürzt. Doch wenn sie ein Jahr später noch immer trauern, heißt es, sie kämen nicht voran und könnten dem Verstorbenen dadurch “nicht gerecht werden”.

“Wir können es aus Sicht der anderen einfach nicht richtig machen”, betont Margetts.

Die Angst vor dem, was andere über einen denken könnten, wirke auf einige Betroffene geradezu lähmend. Margetts erzählt, dass ihm seine Frau das Versprechen abgenommen hatte, dass er sich nach ihrem Tod auf die Suche nach einer neuen Liebe machen würde.

Wenn der Tod jedoch plötzlich eintritt, so Margetts, fehle diese Form des Abschiednehmens. Besonders in solchen Fällen liefen Angehörige Gefahr, sich vor der Möglichkeit einer neuen Liebesbeziehung völlig zu verschließen. 

Urteile von Außenstehenden würden dies noch verschlimmern, merkt Margetts an. Betroffene würden sich dann häufig noch stärker zurückziehen. Manche würden gar völlig vereinsamen. Und es sei hinreichend bekannt, wie extrem negativ sich Einsamkeit auf unsere Psyche auswirke.

Daren Margetts und seine aktuelle Partnerin Mandy.

Kimberley Gray ist 48 Jahre alt – sie verlor ihren Mann Stuart nach 25 Jahren Ehe. Er starb im Jahr 2015 an Krebs. Das Paar war damals nach Cornwall gezogen – weg von ihren Freunden und ihrer Familie – um in den letzten Monaten genau das Leben zu führen, das sie sich immer gewünscht hatten. Sie wusste, dass sie nur noch wenig Zeit haben würden, und tatsächlich verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihres Mannes schon sehr bald nach dem Umzug. Kurz darauf starb er.

Plötzlich war sie auf sich gestellt und fühlte sich sehr allein. “In der einen Minute liebst du jemanden, in der nächsten Minute ist der Mensch auf einmal komplett verschwunden”, sagt sie. “Aber die Liebe verschwindet nicht, sie ist immer noch da.”

Monatelang fühlte sich Gray wie versteinert. Es kostete sie selbst große Mühe, einen Fuß nach dem anderen zu setzen. Aber neun Monaten später erkannte sie schließlich, dass es Zeit war, etwas zu ändern. Es war Silvester und Gray fühlte sich vollkommen unglücklich. “Plötzlich bemerkte ich: Okay, nur du hast es in der Hand, dieses Leben kann nur von dir und niemand anderem wieder gelebt werden.

Damals erkannte sie, dass es ein immens wichtiger Schritt war, allmählich wieder neue Menschen an ihrem Leben teilnehmen zu lassen. “Es ging mir nie darum, Stuart zu ersetzen. Es ging nicht unbedingt darum einen neuen Mann um mich zu haben”, erklärt sie. “Ich dachte mir einfach, ich habe wieder ein wenig Spaß, belebe mein soziales Leben wieder. Und wenn sich daraus irgendetwas entwickeln sollte, warum nicht, das wäre doch toll.”

Auch Gray, die PR-Berater ist, machte sich Gedanken darüber, wie andere darauf reagieren könnten. “Du hast Angst, dass die Leute denken: War ihre Beziehung vielleicht gar nicht so besonders, wie wir immer gedacht haben? Wie kann sie Stuart wirklich geliebt haben, wenn sie ihn jetzt so schnell hinter sich lassen kann?”

Doch sie erkannte, wie wichtig die Begegnungen mit anderen Menschen für sie war, um weiterzuleben.

Rückblickend betrachtet habe sie wohl wirklich früher als andere begonnen, wieder neue Männer kennenzulernen. Doch weil sie in ihrer neuen Heimat Cornwall noch niemanden kannte, sei es ihr vor allem erstmal darum gegangen, wieder einen Bekanntenkreis um sich zu wissen.

Seit mittlerweile drei Jahren ist Gray mit ihrem neuen Partner zusammen. Nur langsam näherten sich die beiden an. Nach ihren Treffen habe es oft Tage gedauert, um diese zu verarbeiten. Letztlich glaube sie, dass ihre neue Beziehung von dieser langsamen Annäherung profitiert habe.

Shalini Bhalla-Lucas.

Die Sprechen vom richtigen Zeitpunkt ist allen Betroffenen gemein: Es ist wichtig, zu verstehen, dass einige ein paar Monate, andere jedoch acht Jahre brauchen können. Es gibt schlichtweg nicht den einen richtigen Zeitpunkt.

Außerdem: Auch wenn du dich bereit fühlst, wieder von einem anderen Menschen geliebt zu werden, heißt dass noch lange nicht, dass die Erinnerungen an den Verstorbenen aus deinem Gedächtnis verbannst.

“Für einen anderen Menschen Gefühle zu entwickeln, kann jederzeit passieren”, sagt Dr. Paidoussis-Mitchell fest. “Es gibt keine Phasen der Heilung, wenn es um Trauer geht, mal ist sie präsent und mal nicht. Es ist daher sinnlos, sich fixe Urteile darüber zu bilden.”

Was Dating betrifft, rät die Therapeutin Trauernden, die Sache schlicht langsam anzugehen – so wie Kimberley Gray. “Triff keine großen dramatischen Entscheidungen, es sei denn, du hast das Gefühl, deine Trauer dadurch ‘überwinden’ zu können”, rät Dr. Paidoussis-Mitchell.

Für Shalini, die Tanzlehrerin, Autorin und Achtsamkeitstrainerin ist, war es vor allem das Gespräch mit anderen Betroffenen, das sie letztlich dazu bewogen hat, wieder zu daten. Es ist ihr wichtig, zu betonen, dass es ihr nicht darum gehe, die Vergangenheit mit ihrem Ex-Mann zu vergessen. Vielmehr sei es ihr wichtig, den Blick nach vorne nicht völlig aus dem Auge zu verlieren.

Shalini hatte ihren Mann Jeremy kennengelernt, als sie 21 Jahre alt war. Die  komplizierte Welt des Datings war ihr daher, bis sie in ihren vierziger Jahren war, weitestgehend fremd. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes entdeckte Shalini das Online-Dating für sich – und fasste den Entschluss, dies tatsächlich mit einem Gewissen ernst zu verfolgen: “Ich habe nicht nach meinem Seelenverwandten gesucht, den hatte ich schon in Jeremy gefunden. Ich war auf der Suche nach Gesellschaft und Freude.”

Innerhalb von sieben Monaten sprach sie mit 50 Männern – mit immerhin 21 davon verabredete sie sich tatsächlich.

Zu ihrer eigenen Überraschung verliebte sie sich sogar. Zwar dauerte ihre Beziehung nur zwei Monate, aber sie machte dabei eine überraschende Erfahrung. Sie konnte ihrem Herzen tatsächlich Platz für einen anderen Mann finden. “Ich hatte erst nach der Trennung gemerkt, dass ich mich in ihn verliebt hatte”, sagt sie. “Nicht in einer Million Jahren hätte ich erwartet, mich je wieder so zu fühlen.”

Nur allzu leicht vergessen wir manchmal, wie viel Platz unsere Herzen für die Liebe bereitstellen. Das beste Beispiel laut Dr. Paidoussis-Mitchell: die Geburt von Kindern. Egal wie viele Kinder man hat, man liebt sie alle gleichermaßen.

Und das gelte auch für die romantische Liebe. “Du kannst immer noch die Liebe für die verstorbenen Person in dir tragen und zugleich einen neuen Menschen in dein Herz schließen”, erklärt sie. “Wenn du lernst, das zu akzeptieren, wirst du die Schuldgefühle überwinden können.”

Dabei könne es auch hilfreich sein, den neuen Partner an der Trauerarbeit teilhaben zu lassen, sich also gemeinsam hinzusetzen und über den geliebten Menschen zu sprechen.

Letztendlich tickt beim Thema Liebe jeder anders. Und auch mit der Trauer verhält es sich so. Shalini Bhalla-Lucas stellt fest, Trauer “ist zwar universell, dabei bleibt sie aber immer auch etwas sehr persönliches.”

Bhalla-Lucas hat ein Buch über ihre eigenen Erfahrungen geschrieben. Obwohl sie im Moment mit niemandem zusammen ist, gibt sie die Hoffnung nicht auf. Im Gegenteil: “Was ich aus meiner Erfahrung ziehe, ist, dass ich den Mut habe, den Wunsch habe, und am allerwichtigsten ein offenes Herz habe, um wieder zu lieben. Und ich denke, das ist wirklich wichtig.”

“Jeden einzelnen Tag trauere ich um Jeremy. Ich werde mich nie ganz von ihm verabschieden, aber ich werde auch nach vorne blicken und weiterleben.” 

Dieser Artikel ist zuerst auf HuffPost UK erschienen und wurde von Viktor Weiser aus dem Englischen übersetzt.

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